Kleidsame Träume aus Seide und Filzwolle

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Kleidsame Träume aus Seide und Filzwolle

- Portrait über Kerstin Scherr vom 03. Dezember in der Ludwigsburger Kreiszeitung -

Von der Steuerfachangestellten zur Filzdesignerin – so ungewöhnlich Kerstin Scherrs beruflicher Werdegang ist, so ungewöhnlich sind auch ihre Kleider. Die Hochdorferin stellt sogar die Stoffe selbst her.

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Kerstin Scherr designt Filzkleider. Das Atelier hat sich die Hochdorferin im Keller ihres Hauses eingerichtet. Foto: Holm Wolschendorf

„Tanzet, ich sag euch tanzet und vor allem aus der Reihe“, steht in bunten Buchstaben auf einem Bild aus Filz, das an einer Wand in Kerstin Scherrs Atelier hängt. Der Spruch ist das Lebensmotto der 47-jährigen Hochdorferin und ihr Erfolgsrezept zugleich. Denn Kerstin Scherr ist aus der Reihe getanzt: Vor rund zehn Jahren machte sie ihr Hobby zum Beruf und sich als Filzdesignerin selbstständig – gegen den Rat ihres Mannes. Gelernt hat die Mutter dreier Kinder einst einen völlig anderen Beruf. Als Steuerfachangestellte war sie vor der Familiengründung tätig.

Doch der Erfolg hat ihr Recht gegeben. „Und jetzt ist mein Mann stolz“, berichtet sie und lacht. Für eines ihrer Musterbücher hat er sich sogar als Model zur Verfügung gestellt, präsentiert eine Filzjacke in Schwarz. Zu mehr Farbe konnte er sich dann wohl doch nicht entschließen. Denn eigentlich sind die von Kerstin Scherr entworfenen Kleider bunt.

So leuchtet eines ihrer jüngsten Stücke in allen erdenklichen Herbstfarben und Nuancen, die jedoch eine harmonische Einheit bilden. „Da habe ich mich im Buntfärben probiert“, erklärt Kerstin Scherr. Lange habe sie überlegt, ob sie das wagen soll, gleich mehrere Töne für das Färben zu verwenden. Doch schließlich nahm sie sich offensichtlich wieder einmal ihr Lebensmotto zu Herzen und experimentierte einfach.

Das Experimentieren macht für sie auch den Reiz am Filzen aus, welches schier unerschöpfliche Möglichkeiten an Mustern und Strukturen zu bieten scheint. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man sich in dem Atelier umguckt, das Kerstin Scherr im Keller ihres Hauses eingerichtet hat. Auf einem Regalbrett türmen sich Stoffrollen, an einer Kleiderstange hängen Jacken, Mäntel und Röcke – alles Unikate, alle mit anderen Arbeitstechniken, Schnitten und in unterschiedlichen Farben und Mustern gefertigt.

Auf dem großen Arbeitstisch in der Mitte des Raumes liegen Scherrs neueste Entwürfe. Dünn hat sie schuppengleich Leinen auf Wolle aufgebracht, so dass noch die Wollfarben hindurchschimmern. Im kommenden Jahr werde sie sich daran machen, Kleider damit zu designen. „Jetzt ist zu viel zu tun“, sagt sie. Aufträge von Kundinnen müssen fertiggestellt werden – denn überwiegend sind es Frauen, die bei ihr individuelle Kleider bestellen, auch das Weihnachtsgeschäft läuft jetzt an und mit ihm zahlreiche Kunsthandwerker- und Adventsmärkte in der Region, bei denen die Hochdorferin ihre Kleider präsentiert.

Diese haben durchaus ihren stolzen Preis. Kein Wunder, schließlich sind sie echte Handarbeit. Aufwendig stellt Kerstin Scherr die Stoffe aus Seide und Filzwolle selbst her. Zwei Stunden brauche sie für etwa einen Quadratmeter Stoff, die Zeit für das Färben nicht mit eingerechnet. Bis daraus eine fertige Jacke beispielsweise wird, dauert es dann gut zwei Arbeitstage. Das Ergebnis hat mit kratzigen Filzkleidern, wie man sie sich üblicherweise vorstellt, nichts gemein. Weich und angenehm fühlen sich die Stoffe auf der Haut an.

Und woher nimmt sie ihre Ideen? „Die sammle ich außerhalb, zum Beispiel beim Spazierengehen“, sagt Kerstin Scherr, „oder auch nachts im Schlaf.“ Wenn sie dann aufwache, gehe sie sofort in ihr Atelier und bringe die Gedanken zu Papier, selbst wenn es mitten in der Nacht ist.

Info: Das nächste Mal präsentiert Kerstin Scherr ihre Kleider bei der Veranstaltung „art-verwandt“ im Schlosskeller in Waiblingen, die vom 7. bis 14. Dezember stattfindet. Nähere Informationen unter www.art-verwandt-rems-murr.de und über Kerstin Scherrs Label unter www.trollino.de.

Quelle: Ludwigsburger Kreiszeitung | Text: Luitgard Schaber